"Grausamer" Tod eines Wimperntierchens

Hier nun lesen Sie eine wirklich "grausame" Geschichte, eine Geschichte die sich sicherlich jeden Tag mehrere Millionen Mal ereignet, still, unbeobachtet, keine Presse, keine Anteilnahme, nichts begleitet diesen Tod von dem wenigstens ich berichten möchte um ihn doch nicht so ganz unbeobachtet und unberichtet zu lassen.

Ort des grausamen Geschehens:

Ein Objektträger, also ein einfaches Stück Glas mit den Maßen: "L=76, B = 26, H = 1 mm", die übliche Ausrüstung, nichts Besonderes also, eben nicht der Rede wert. Und doch, er sollte Schauplatz, Arena und Theater des Lebens im Kleinen werden.

Verursacher:

Ich, weil ich etwas sehen wollte, sehen wollte, was sich in meinem Teich so alles meinen normalen Augen verbirgt, tiefer eindringen in den Mikrokosmos wollte ich. Dazu war mir jedes Mittel Recht, jedes Werkzeug kam mir gelegen, diesen Wunsch wahr werden zu lassen.

Werkzeuge:

Außer dem bereits beschriebenen Objektträger, stellte bzw. legte ich noch folgende Tatwerkzeuge bereit!

1. Ein Mikroskop

2. Eine Pipette

3. Ein Deckglas

4. Ein Kleenex Tuch

5. Eine frische Wasserprobe aus meinem Amphibienteich im simplen aber sehr sauber gespülten Marmeladenglas.

Vorbereitungen:

Jetzt galt es, diese Werkzeuge zur Vorbereitung richtig einzusetzen. Zunächst galt es mittels Pipette einen kleinen Tropfen der oben benannten Wasserprobe aufzunehmen und mit sanftem Druck wieder auf den Objektträger zu entlassen. Ein Deckglas war schnell aufgebracht um diesen Tropfen zu einer planen "Wasserfläche" vorsichtig auf dem Objektträger zu verteilen. Überquellendes Wasser wurde mit dem bereitliegenden Kleenex Tuch mit einer Tuchecke vorsichtig abgesaugt. Nicht zuviel, gerade soviel, das noch genug Restwasser unter dem Deckglas vorhanden war. Dieses "Konstrukt" wurde nun vorsichtig auf den Objekttisch des Mikroskops und in die Klemmhalterung des Kreuztisches eingespannt. Die Beleuchtung eingeschaltet, das kleinste Objektiv zur ersten Übersicht eingeschwenkt und die Schärfe kontrolliert, danach die Köhlersche Beleuchtung eingerichtet.

Das Geschehen:

Nun endlich, es konnte losgehen. Langsam, eine Hand, hier die Linke, betätigte die Kreuztischtriebe ( im Bild zu sehen auf der Seite Mikroskop (6b) ), die andere den Kombinationstrieb zur Schärfeneinstellung des Mikroskops, durchsuchte ich die Probe nach "Leben". Damit mir auf dem Objektträger auch nur ja nichts entgeht, habe ich mir angewöhnt, an der linken oberen Ecke des Deckglases anzufangen, dieses dann mittels Trieb langsam horizontal nach rechts zu schieben. An der rechten Seite angekommen, verschiebe ich es vertikal nur soweit nach unten, als der untere Sichtbereich noch gerade eben oben wahrgenommen wird. Jetzt wird horizontal in die entgegengesetzte Richtung zurück geschoben. Dies wiederholt sich so lange, bis das ganze Deckglas durchgearbeitet wurde. Entdecke ich jedoch während dieses "Spazierganges" interessante Objekte, halte ich mit den Bewegungen des Verschiebens inne, schwenke das nächst höhere Objektiv ein und stelle die Köhlerschen Beleuchtungsschritte für dieses Objektiv nach. Dabei fiel mir ein Wimperntierchen (Chilodonella uncinata - "Lippenzähnchen - ) ins Auge, welches sehr agil hin und her schwamm. Das Objektiv 16x reichte für die Verfolgung allemal. So konnte ich in aller Ruhe dem Tier folgen und es genauer beobachten. Doch irgendwie schien es mir, das die Bewegungen und die Agilität immer mehr nachließ. Irritiert kontrollierte ich die Wassermenge unter dem Deckglas, war schon zu viel verdunstet, zog sich das Deckglas fester an den Objektträger und behinderte dadurch die Bewegung des Tieres, quetschte es das Tier etwa ein? Nein, es schien nicht so, aber um sicher zu gehen, nahm ich einen weiteren Tropfen aus der Probe mit der Pipette auf, und entleerte diese ganz vorsichtig an einer Ecke. Sofort zog sich das zugeführte Wasser unter das Deckglas, es schwamm förmlich auf und musste mit dem Kleenex wieder zur Räson gebracht werden. Als ich wieder ins Mikroskop schaute, war mein Wimperntierchen verschwunden. Entweder hatte es sich erholt und war weg geschwommen oder aber, die Strömung des Frischwassers hatte es weggetrieben? Ich suchte etwas hektischer werdend, nach dem Tier. Da, da war es wieder, aber was war das, es lag bewegungslos da. Ich schwenkte das 40ger Objektiv ein. Regelte die Beleuchtung und Schärfe wieder nach. Nein, so genau ich auch hinsah, äußerlich war keinerlei Bewegung mehr zu erkennen. War es tot? Anscheinend noch nicht, denn im Inneren des Tieres konnte ich jetzt kleinste Teilchen strömen sehen, von der Mitte des Tieres zum linken Rand hin. Immer mehr strömte es in diese Richtung. Der Rand des Tieres wölbte sich sichtbar, stülpte sich immer weiter nach außen. Was geschah da? Die Strömung im Inneren des Tieres wurde immer heftiger, die Ausstülpung immer breiter, es schien so, als wollte alles von Innen nach Außen!? Wie lange konnte die Hülle des Tieres diesem Druck standhalten? Das Tier hatte nun alle Ähnlichkeiten mit dem zuvor gesehenen Original verloren. Wie ein deformierter Ballon sah das jetzt aus, was sich dem Objektiv zur Ansicht jetzt darbot. Jetzt, und ganz plötzlich platzte die äußere Hülle auf, ich erschrak förmlich, obwohl ich eigentlich wusste was passieren musste. Durch das nun entstandene Loch strömte nun alles "Lebendige" aus dem Tier. Die Hülle lief vollkommen leer. Hatte ich jetzt erwartet, das sich die ausfließende Masse mit dem Umgebungswasser verband, wurde diese Erwartung nicht erfüllt. Nein, im Gegenteil, wie von einer unsichtbaren Kraft zusammengehalten und gleichzeitig angezogen, folgte diese Masse einer unsichtbaren "Spur", floss ziemlich schnell und in sich bewegend, zum rechten unteren Deckglasrand. Erst dort schien dieser Fluss zum Stillstand zu kommen und sich langsam aber sicher an der Ecke auszubreiten.

Diese Ansammlung bleib aber nicht lange so da liegen, denn in der Zwischenzeit hatte sich die "Nachricht" über den Tod des Wimperntieres anscheinend unter dem Deckglas verteilt, denn plötzlich waren andere Mitbewohner, ebenfalls Wimperntiere die mir ob des Geschehens bisher entgangen waren, herangeeilt um diese nun endlich zum Stillstand gekommene Masse begierig aufzusaugen. Immer mehr fanden sich zum Festschmaus ein. Es wimmelte förmlich in dem kleinen Ausschnitt den das 40ger Objektiv noch zur Betrachtung anbot. Ich wechselte auf das 16er Objektiv und zählte 9 Tiere die sich um die Überreste balgten.

So bot der tragische aber unerklärliche Tod des einen Tieres Nahrung für die Anderen.

Resümee:

Es ist im Kleinen wie im Großen. Des Einen Leid, des Anderen Freud, Fressen und gefressen werden, nichts Unbekanntes also, eben nur eine Etage tiefer, im Mikrokosmos.

Zurück

 04317